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    04.09.2010, 09:36 Uhr  
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ABout FranCe -- Lexika
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Camus , Albert (1913-1960).
Geburtsdatum: 7. November 1913
Geburtsort: Mondovi, Algerien
Sterbedatum: 4. Januar 1960
Sterbeort: Autounfall bei Villeblevin, Yonne (89)

Nobelpreisträger und sicher einer der bekanntesten franz. Autoren des 20. Jh. Er ist geboren in dem algerischen Dorf Mondovi (nahe Bone bzw. heute Annaba), wo sein Vater, ein Fuhrmann südfranzösischer Herkunft, kurz zuvor zum Kellermeister eines Weinguts avanciert war. Als der Vater 1914 gleich bei Kriegsbeginn in der Marneschlacht verwundet wird und stirbt, zieht die Mutter mit Albert und seinem älteren Bruder Lucien zurück zu ihrer spanischstämmigen verwitweten Mutter nach Algier in das Kleine-Leute-Viertel Belcourt. Hier trägt sie, zusammen mit ihrem unverheirateten, sprechbehinderten Bruder, einem Böttchergesellen, zuerst als Fabrikarbeiterin, später als Putzfrau zum Unterhalt der Wohngemeinschaft bei, die unter der Fuchtel der strengen Großmutter steht. 1924 erhält der Grundschullehrer Camus' mühsam die Erlaubnis von Mutter und Großmutter, den begabten Jungen für die Aufnahmeprüfung des Gymnasiums vorzubereiten. Camus besteht und pendelt hinfort zwischen der ärmlichen Welt von Belcourt und dem bürgerlichen Milieu der Schule, wo er seine Herkunft vor den Klassenkameraden versteckt und sich seiner wenig präsentablen Mutter schämt, die nicht nur Analphabetin, sondern auch leicht hör- und sprechbehindert ist. Um seinen Status in der Klasse zu verbessern, ist er sehr sportlich und erwirbt sich Meriten als tollkühner Torwart eines Fußballklubs. 1930, nach dem ersten Teil des baccalauréat, erkrankt er an Tuberkulose und muss für lange Monate in ein Sanatorium in Südfrankreich. Nach seiner Rückkehr wird er von der kinderlosen Schwester seiner Mutter und ihrem Mann, einem wohlhabenden und literarisch interessierten Metzgermeister, aufgenommen. Hier fühlt er sich wohl, liest, schreibt und entwickelt Dandy-Allüren. Seine Mutter sieht er nur selten. 1932 legt er den zweiten Teil des bac ab. Sein Traum wäre die École Normale Supérieure in Paris, doch gibt es in ganz Algerien keine classes préparatoires zur Vorbereitung auf die Zulassungsprüfung (concours). Camus beginnt also ein Studium der Philosophie an der neu eröffneten Universität von Algier, wo er Freundschaft schließt mit einem jungen Professor, Jean Grenier. 1934, mit 21, d.h. eben volljährig, verheiratet er sich mit der 19-jährigen Simone Hié, der hübschen, aber auch extravaganten (und morphiumsüchtigen) Ex-Verlobten eines Freundes. Simone ist zwar gutbürgerlicher Herkunft, doch hat ihr Vater die Familie verlassen, was mitsamt ihren Extravaganzen ihren Wert auf dem Heiratsmarkt ausreichend mindert, um sie für Camus erreichbar zu machen. Dass sein Onkel und seine Tante diesen Wert sogar für Null erachten und strikt gegen die Heirat sind, stört Camus wenig, seine Mutter informiert er gar nicht erst. Er zieht zu den Hiés und schreibt für Simone kleine Texte über seine Jugend, die er zu einem ersten Büchlein zusammenfasst: L'Envers et l'endroit (gedruckt 1937). 1935, nach der Bildung der "Volksfront" der linken Parteien, wird er, wie viele junge Intellektuelle, Kommunist und auch Mitglied im PC. Die Partei setzt ihn ein, um im arabischen Bevölkerungsteil der Stadt antikolonialistische Agitation zu betreiben und Mitglieder zu werben. Letzteres erweist sich zwar als fast unmöglich (weil der kommunistische Atheismus die Moslems abstößt), doch erhält Camus Einblick in die sozialen und psychologischen Probleme der damals etwa 8 Millionen arabo- und berberophonen "Eingeborenen", die beherrscht werden von etwa 800.000 Algerienfranzosen, d.h. den Nachkommen französischer, spanischer und italienischer Einwanderer sowie der französisierten einheimischen Juden (wobei diese Algerienfranzosen, "les pieds noirs", keineswegs allesamt wohlhabend sind). Als im Frühsommer 36 die Volksfront die Wahlen gewinnt und in ganz Frankreich neue kulturvermittelnde Institutionen gegründet werden, um das Bildungsniveau der "Werktätigen" zu heben, gründet Camus mit anderen Linken in Algier ein Théâtre du travail, wo er ein erstes Stück mitverfasst und einstudiert: Révolte dans les Asturies, das einen Streik spanischer Bergarbeiter von 1934 verarbeitet, aber vor der Aufführung verboten wird. Mehr nebenbei legt Camus sein Diplôme d'études supérieures ab mit einer Examensarbeit über die antiken nordafrikanischen Philosophen Plotin und Augustinus. Im Spätsommer 36 reist er mit Simone in Norditalien, Österreich und der Tschechoslowakei. In Prag bemerkt er, dass sie sich bei Ärzten prostituiert, um an Morphium zu kommen. Er ist zutiefst getroffen und bricht mit ihr. Zurück in Algier hat er Probleme mit der Parteiführung, die auf Anweisung von Moskau jegliche antikolonialistische Agitation einstellt, weil diese die Verteidigungskraft Frankreichs gegenüber dem aufrüstenden Deutschland schwächen könnte, vor dem auch Stalin Angst zu bekommen beginnt. Camus, dem inzwischen die soziale und politische Gleichstellung der "arabes" am Herzen liegt, ist enttäuscht von diesem Kurswechsel seiner Partei und will weiter agitieren, wird aber ausgeschlossen. Ebenso enttäuscht ist er 1937 über das Scheitern eines Gesetzesvorhabens in der Assemblée nationale, wonach zumindest die gebildete und teilweise akkulturierte autochtone Elite Algeriens das volle französische Bürgerrecht erhalten sollte. Ein weiterer, persönlicher, Schlag ist, dass er wegen seiner Tuberkulose nicht zu den Prüfungen (concours) für die agrégation zugelassen wird. In seiner Enttäuschung beginnt er einen ersten Roman um einen tuberkulosekranken jungen Mann, der einen reichen Krüppel ermordet und bestiehlt, um dann selbst in einer Villa hoch über dem Meer zu sterben: La Mort heureuse. Dieses vielleicht allzu persönlich wirkende Werk stellt er aber nicht fertig, sondern benutzt es ab 1938 als Steinbruch für L'Étranger, einen zunächst politisch motivierten Roman um den ganz normalen jungen Algerienfranzosen Meursault, der eher zufällig einen jungen Araber erschießt, für sein Vergehen aber einstehen will und so, in die Rolle eines tumben Toren und Sündenbocks geratend, sein Todesurteil provoziert (Meursault = meurs, sot! = stirb, du Tor!, Deutungsvorschlag von mir, G.P.). Obwohl Camus nur mühsam von einem Hilfsjob im meteorologischen Institut von Algier lebt, schlägt er 1938 einen Posten als Lehrer in einer algerischen Kleinstadt aus, nicht zuletzt vielleicht auch, weil er sich gerade mit seiner späteren zweiten Frau liiert hat, der Mathematikstudentin und dann -lehrerin Francine Faure (die offenbar ähnlich rasch entschlossen war ihn zu heiraten wie Marie ihren etwas indolenten Geliebten Meursault). Über einen Freund, Pascal Pia, bekommt er einen Posten als Reporter bei dem neuen (linken) Blatt Alger républicain. Eine seiner Spezialitäten dort werden Gerichtsreportagen, zumal von Prozessen gegen Araber und Berber, die in einer von den "pieds noirs" dominierten Justiz gar zu leicht die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekamen. Nebenher verfasst Camus eine erste Version seines ersten vollständig eigenen Stücks: Caligula, ein Drama um die Sinnsuche eines jungen Mannes. In dieser Zeit auch beginnt er den philophischen Essay Le Mythe de Sisyphe. Im Sommer 39 schreibt er eine anklagende Artikelserie über eine Hungersnot im Hinterland Algiers, gegen die die Behörden, weil dort ja nur Berber verhungern, seines Erachtens nichts tun. Als im September der Krieg ausbricht und eine Zensur eingeführt wird, haben er und seine Zeitung ständig Ärger mit der neuen Behörde. Anfang 40 geht die Zeitung aus verschiedenen Gründen ein; Camus muss sich, nachdem er endlich geschieden ist und sich wiederverheiratet hat, von Francine durchfüttern lassen. Er hält das nicht aus, sondern geht (ohne aus Algerien, wie man oft liest, "ausgewiesen" zu sein) nach Paris, als er dort, einmal mehr über Pia, einen Hilfsjob an einer Zeitung bekommt. Unmittelbar vor Beginn des "blitz allemand" (10. Mai) stellt er den Étranger fertig, der sich während der Zwischenzeit mit zusätzlichen Themen und Problemen aufgeladen hat, die die ursprüngliche politische Intention fast verdecken. Kurz bevor die deutschen Truppen in Paris einmarschieren, flüchtet Camus mit der Redaktion seiner Zeitung nach Clermont-Ferrand und weiter nach Lyon, wo er den Waffenstillstand und die Anfänge des neuen État français unter Marschall Pétain erlebt. In der Folgezeit führt er eine unstete Existenz zwischen Frankreich und Algerien, schreibt aber fleißig. Im Winter 41/42 beendet er in Oran (dem Heimatort seiner Frau, wo er eine Lehrerstelle bekommen hat) Le Mythe de Sisyphe, einen Essai über den Sinn der menschlichen Existenz, den er in der Bejahung ihrer Tragik und in deren Überwindung durch Pflichterfüllung zu sehen scheint. Der Sisyphe trifft bei seiner Publikation im Oktober offenbar die Stimmung im besetzten Frankreich, Camus wird bekannt, zumal auch der im Juni endlich herausgekommene Étranger gut einschlägt. Ende 1942 ist er wieder zu einer Kur in Südfrankreich und kann nicht nach Oran zurück, nachdem die Deutschen im November auch den bisher unbesetzten Süden, die zone libre, besetzt haben und Algerien von anglo-amerikanischen Truppen besetzt wird. Die persönliche Situation der Trennung von seiner Frau und die allgemeine Lage im besetzten Frankreich, wo er sich inzwischen der Widerstandsbewegung, der Résistance, angeschlossen hat, verarbeitet Camus in dem Roman La Peste, einem Hohenlied der Pflichterfüllung unter Männern. Das Buch erscheint zwar erst 1947, ist dann aber trotzdem noch ein großer Erfolg, weil es den Franzosen offenbar die Besatzungszeit verklären hilft, in der sie laut dem rasch entstehenden Mythos angeblich allesamt erklärte oder doch wenigstens heimliche résistants gewesen sind. Ebenfalls 1943 schreibt Camus das Stück Le Malentendu und beginnt er seine Mitarbeit an dem im Untergrund erscheinenden Blatt Le Combat, dessen Chefredakteur er 1944, nach der Libération, wird. Trotz seines Wirkens als Widerständler versucht er, an einer deutsch-französischen Versöhnung zu arbeiten mit seinen Lettres à un ami allemand (1945). In den Nachkriegsjahren ist er zusammen mit Sartre (mit dem ihn kurze Zeit auch ein freundschaftliches Verhältnis verbindet) einer der maîtres à penser des Existentialismus. Sein bekanntester philosophischer Text aus dieser Zeit ist L'Homme révolté (1951). Wie Sartre, begnügt auch Camus sich nicht mit einer Literatenrolle, sondern versucht, journalistisch in die Politik hineinzuwirken als humanitärer, gemäßigt linker Pazifist, als der er zumal die Rigidität der französischen Kolonialpolitik und die Exzesse der Kolonialtruppen brandmarkt. Da er jedoch über den Parteien zu stehen bemüht ist, gerät er oft zwischen die Fronten. So scheitern z.B. 1956 seine Vermittlungsversuche im beginnenden Algerienkrieg kläglich, denn sein Plädoyer für eine bürgerrechtliche Gleichstellung der "arabes" ist den meisten Franzosen zu radikal, wogegen seine Vorstellung von einem letztlich doch französischen Algerien für die meisten Algerier inzwischen unakzeptabel ist. Sein belletristisches Schaffen ist in diesen Jahren weniger intensiv. Immerhin kommt 1956 der kurze Roman La Chute und 1957 ein Sammelband von meist in Algerien spielenden Erzählungen heraus, L'Exil et le Royaume. 1957 erhält Camus den Nobelpreis. Am 4. Januar 1960 kommt er bei einem Autounfall ums Leben, mitten in der Arbeit an Le Premier Homme, einem autobiografischen Roman um seine Kindheit und frühe Jugend als Sohn eines ihm nur aus Erzählungen schemenhaft bekannten Vaters (1994 als Fragment postum erschienen). Der Ruhm von Camus, der lange mit Sartre auf eine Stufe gestellt wurde, beginnt inzwischen offenbar etwas zu verblassen, doch ist er zweifellos eine sehr wichtige Figur des französischen Geisteslebens im 20. Jh. Sein Roman L'Étranger ist nach wie vor eines der meistverkauften Bücher der neueren franz. Literatur.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

Autor: Admin on 10/11/03

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