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    04.09.2010, 06:02 Uhr  
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Chénier
André (de) Chénier (29.10.1762 in Galata bei Konstantinopel; +24.7.1794 in Paris).
Obwohl er im 18. Jh. lebte und schrieb, ist Chénier insofern ein Autor des 19., als seine Lyrik erst nach dem Erscheinen einer Sammelausgabe 1819 bekannt und dann für die Entwicklung der franz. Dichtung sehr bedeutsam wurde.
Er ist geboren als ältester Sohn eines jung nach Konstantinopel (=Istanbul) ausgewanderten verarmten franz. Adeligen, der dort als Tuchhändler wohlhabend geworden und eine junge Frau aus dem damals nicht unbedeutenden griechischen Bevölkerungsanteil der Stadt geheiratet hatte.
1765 geht der Vater wegen schlechter Geschäfte zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zurück nach Frankreich, Chénier wird von einem Onkel in Carcassonne aufgenommen. Erst 1773, mit elf, kommt er zu seiner Mutter, die sich in Paris niedergelassen hat, nachdem der Vater zum franz. Konsul in Salé (Marokko) ernannt worden ist, wo er meistens auch lebt.
Chénier erhält nun eine solide klassische Bildung im Collège de Navarre, daneben begegnen er und sein wenig jüngerer Bruder Marie-Joseph (der sich später einen Namen als Dramatiker machen wird) im als "griechisch" firmierenden Salon der gesellschaftlich sehr aktiven Mutter vielen Literaten, Malern, Naturforschern und - denn die antike griechische Kunst wird gerade wiederentdeckt - Archäologen. Hier auch liest Chénier ab ca. 1778 seine ersten Gedichte vor und sieht sich ermutigt.
Nach einem enttäuschenden Versuch als Offiziersanwärter in Strassburg (1782/83) macht er eine Bildungsreise durch Italien und die Schweiz. Danach verbringt er einige Jahre als intellektuell vielseitig interessierter, etwas kränkelnder junger Lebemann in Paris, schreibt weiterhin Lyrik sowie einige Langgedichte im Stil der Zeit und fängt zwei Versepen an (Hermès und L'Amérique), die nie vollendet werden. 1787 beginnt er, etwas in Geldnot geraten, eine diplomatische Karriere und wird Sekretär des französischen Botschafters in London, obwohl er, wie viele Franzosen dieser Jahre, England nicht mag und sich dort unwohl fühlt.
Als er 1790 nach Paris zurückkehrt, schließt er sich den gemäßigten Revolutionären an und betätigt sich publizistisch für die Sache einer konstitutionellen Monarchie und meritokratischen Gesellschaftsverfassung. Ab 1791 attackiert er mit Pamphleten die radikalen Revolutionäre, die Jacobiner. Als diese 1792 die Macht erobern und das Terrorregime des sog. Wohlfahrtsausschusses unter Robespierre beginnt, taucht Chénier unter und lebt versteckt in Versailles. Anfang 1794 kehrt er nach Paris zurück - zu früh, denn er wird verhaftet und wegen "Verheimlichung von Dokumenten" verurteilt.
Auf seine Hinrichtung wartend schreibt er und schmuggelt er aus dem Gefängnis scharfe polit-satirische Gedichte (iambes) und die berühmte Ode à une jeune captive. Am 25. Juli wird er guillotiniert, zwei Tage vor dem Sturz Robespierres und dem Ende der "Terreur".
Während Chénier zu seinen Lebzeiten nur kurze Zeit als Publizist und Pamphletist bekannt war, gründet sein späterer Ruhm auf seiner Lyrik, d.h. vor allem auf den meist schon in den 1780er Jahren verfassten bucoliques (Hirtengedichten), élégies, épigrammes, odes, hymnes und poèmes. Diese Texte sind dank der Schönheit ihrer Sprache und der Ausdruckskraft ihrer Bilder ein Höhepunkt der klassizistischen, d.h. an griechischen und lateinischen Vorbildern geschulten Lyrik des 18. Jh.; sie blieben allerdings zu Cheniers Lebzeiten bis auf Ausnahmen ungedruckt. Als sie schließlich 1819 gesammelt erschienen, wirkten sie (vielleicht auch dank der nostalgischen Grundstimmung, die sie prägt) wie eine Offenbarung auf die neue Dichterschule der Romantiker. Nach 1850 wurde Chénier erneut zu einem wichtigen Vorbild, diesmal für die Dichterschule der Parnassiens.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

Autor: Admin on 10/12/03

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