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Colette
Sidonie-Gabrielle Colette (1873-1954). Eine von vielen Lesern und auch Kollegen hochgeschätzte, von der universitären Literaturkritik dagegen oft missachtete Autorin. Sie ist geboren als jüngstes von vier Halbgeschwistern und Geschwistern in einem Dorf der Burgund, wo ihr Vater, ein ausgemusterter Offizier, Steuereinnehmer ist. Sie besucht keine weiterführende Schule, wird aber gefördert von ihrem literarisch interessierten Vater, vor allem aber der klugen und verständnisvollen Mutter, mit der sie später in engem Briefkontakt bleibt. Bei einer Paris-Reise lernt sie mit 19 (1892) den 34-jährigen Henry Gauthier-Villars kennen, der sich unter dem Pseudonym "Willy" schon einen gewissen Namen als Literat und Salonlöwe gemacht hat. 1893 heiratet sie ihn und wird von ihm, der rasch ihr Schreibtalent erkennt, angelernt und ausgenutzt. Unter seinem Namen verfasst und publiziert sie ab 1896 eine Serie von Romanen, die in der Ich-Form und voller autobiografischer Elemente die Geschichte einer jungen Frau erzählen (Claudine à l'école, Claudine à Paris, Claudine en ménage und Claudine s'en va). Bald nach dem letzten Claudine-Roman (1903) geht auch sie selbst, angewidert von "Willys" ständigen Seitensprüngen. Sie nimmt Unterricht bei dem Pantomimen G. Wague und gastiert ab 1906 sechs Jahre lang mit "Mimodramen" auf den verschiedensten Bühnen in Paris und der Provinz, anfangs häufig zusammen mit der zehn Jahre älteren Mathilde de Morny, mit der sie ein (damals naturgemäß skandalträchtiges) lesbisches Verhältnis hat. Zugleich schreibt sie weiter, nunmehr unter dem Namen Colette Willy (u.a. La Retraite sentimentale, 1906; Vrilles de la vigne, 1908). 1909 beginnt sie La Vagabonde, einen ihrer besten (und in der Ich-Form quasi von ihr selbst erzählenden) Romane, der zunächst im Feuilleton einer Zeitschrift erscheint und 1910 in die engere Wahl für den Prix Goncourt kommt. Hiernach schreibt sie hauptsächlich für das Feuilleton der Pariser Tageszeitung Le Matin, wo sie eine eigene Rubrik bekommt. 1910 hat sie ein ephemäres Verhältnis mit dem Millionen-Erben Auguste Herriot, ab 1911 lebt sie mit dem Chefredakteur von Le Matin, Henry de Jouvenel, zusammen, den sie 1912 heiratet und mit dem sie 1913 eine Tochter bekommt. Der Kriegsausbruch im August 1914 ist auch für sie ein tiefer Einschnitt. Jouvenel wird eingezogen, sie selbst - ihre Tochter wird auf ein Landgut der Jouvenels geschickt - betätigt sich als Krankenschwester, zunächst in Paris, dann in einem Lazarett bei Verdun. 1915 bereist sie das mit Frankreich verbündete Italien als Reporterin für Le Matin, für den sie auch die nächsten Jahre schreibt. 1917 wird in Rom in ihrem Dabeisein und nach einem Drehbuch von ihr La Vagabonde verfilmt. Erst nach dem Kriegsende 1918 schreibt Colette wieder Romane. 1919 bringt sie Mitsou, ou comment l'esprit vient aux filles heraus und beginnt ihren bekanntesten Roman, Chéri, die Geschichte eines jungen Mannes und einer älteren Frau. Er erscheint 1920 und wird 1921 von ihr und einem Co-Autor zu einem Theaterstück verarbeitet, in dem sie selbst des öfteren die Rolle der weiblichen Protagonistin spielt. Inzwischen hat ihr Mann als Politiker Karriere gemacht, und auch sie selbst ist arriviert: Seit 1920 ist sie "chevalier der Ehrenlegion" (1928 wird sie sogar zum "officier" und 1936 zum "commandeur der Ehrenlegion" ernannt.) Ihre Ehe allerdings geht 1923 in die Brüche, denn auch Jouvenel hat sich als untreu erwiesen. Ebenfalls 1923, mit der Publikation des kleinen Romans Le Blé en herbe, benutzt sie erstmals das schlichte "Colette" als Autornamen. Nach einem Intermezzo mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel lernt sie 1925 den 16 Jahre jüngeren Maurice Goudeket kennen, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenleben wird und den sie 1935 auch heiratet. Allmählich wird sie zur großen alten Dame der französischen Literatur der ersten Jahrhunderthälfte. Sie schreibt und publiziert, wird gelesen und verfilmt, hält Vorträge und reist, geehrt wie kaum eine Schriftstellerin vor ihr. (Z.B. wird sie 1945 in die bis dahin rein männliche Académie Goncourt aufgenommen). Ihr 80. Geburtstag 1953 ist ein nationales Ereignis, und ein pompöses Staatsbegräbnis erwartet sie, als sie 1954 stirbt.
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur Autor: Admin on 10/12/03
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