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Apollinaire
Guillaume Apollinaire ( =Wilhelm Apollinaris Albert Kostrowitzky, 1880 - 1918). Der heute als wohl bester franz. Lyriker des Jahrhundertbeginns anerkannte Apollinaire ist geboren im Rom als unehelicher Sohn von Francesco Flugi d'Aspermont, einem hochadeligen Ex-Offizier des Ex-Königreichs Neapel, und dessen Geliebter Angelica Kostrowicka, der in Rom aufgewachsenen Tochter eines dorthin emigrierten kleinadeligen polnisch-russischen Ex-Offiziers und einer Italienerin. Er verbringt seine frühe Kindheit in Rom, seine Schülerjahre (da sein Vater die Familie verlassen hat und seine Mutter viel auf Reisen ist) in Monaco, Cannes und Nizza, wo ein Bruder des Vaters, ein Geistlicher, sich um ihn kümmert. Apollinaire ist guter Schüler und lernt neben dem Französischen, das ja nicht seine Muttersprache ist, Latein, Griechisch und Deutsch. Beim baccalauréat fällt er allerdings durch, vielleicht, weil er in den letzten Schuljahren weniger gelernt als gelesen und geschrieben hatte. Er verzichtet auf einen zweiten Versuch und zieht Anfang 1899 mit der Mutter sowie deren neuem Liebhaber nach Paris. Den Sommer verbringt die Familie in Stavelot und Spa, wo Apollinaire sich in den Ardennen-Wald verliebt - sowie in eine Gastwirtstochter, auf die er Gedichte verfasst. Zurück in Paris, geht er auf Jobsuche, wird aber nur Schreibkraft in einem kleinen Verlag. Nebenbei produziert er ein Theaterstück (das angenommen, aber nicht aufgeführt wird), Gedichte (vor allem an die Schwester eines Freundes gerichtete, die ihn aber nicht erhört), sowie zwei Romane (darunter als Auftragsarbeit einen pornographischen). 1901 wird er von der gebürtigen Deutschen Mme de Milhau für ein Jahr als Französischlehrer für ihre Tochter engagiert. Samt seiner jungen englischen Kollegin Anny begleitet er Mme de M., die Besitzungen in und um Bad Honnef geerbt hat, auf einem längeren Aufenthalt dorthin, wobei ihn das Rheinland - und mehr noch seine unglücklichen Verliebtheit in Anny - zu einer Reihe meist melancholischer Gedichte inspirieren, die später z.T. in sein Hauptwerk, die Sammlung Alcools, eingehen. Während eines Urlaubs macht er eine große Deutschland- und Österreich-Reise, die ihn bis nach Prag und Wien führt und die er sowohl lyrisch und erzählerisch, als auch journalistisch verarbeitet in Gestalt von Reise-Impressionen für Pariser Zeitungen. Nachdem schon 1901 einige Gedichte von ihm unter seinem Namen Wilhelm Kostrowitzky gedruckt worden waren, erscheint 1902 seine erste längere Erzählung, L'Hérésiarque, erstmals unter dem Pseudonym Guillaume Apollinaire, das er von nun an benutzt. Bei seiner Rückkehr nach Paris 1902 wird er kleiner Bankangestellter. Zwei Reisen nach London, um Anny zu erweichen, bleiben erfolglos. Neben seiner Büroarbeit schreibt er Gedichte, Erzählungen, Literaturkritiken und diverses Journalistisches und versucht, Zugang zu den Pariser Literatenkreisen und den damals zahlreichen literarischen Zeitschriften zu finden. 1904 lernt er Picasso und Max Jacob kennen, über die er in das Milieu der Pariser Avantgarde-Maler gelangt und in die Rolle auch eines Kunstkritikers hineinwächt. Nicht nur aus Geldnot schreibt er hin und wieder auch pornographische Texte, z.B. Les onze mille verges und Mémoires d'un jeune Don Juan (1906), und gibt er ab 1909 bei einem Verlag die Reihe Les maîtres de l'amour heraus, in der er z.B. Texte von Sade und Aretino publiziert. 1907 begegnet er bei Picasso der Malerin Marie Laurencin, mit der er einige Jahre liiert sein wird, bis sie ihm wegen seiner Macho-Allüren 1912 den Laufpass gibt. 1910 erscheinen unter dem Titel L'Hérésiarque & Cie. seine bisher verfassten Erzählungen: rd. 20 meist kurze, oft düster fantastische Texte in der Art von E.T.A. Hoffmann, Nerval, Poe und Barbey d'Aurevilly. Apolliniare wird für den Prix Goncourt nominiert, doch bekommt ihn dann nicht. 1911 entdeckt er bei einem Bekannten gestohlene Kunstobjekte aus dem Louvre. Er versucht, die Rückgabe einzufädeln, wird aber als Hehler verdächtigt und verhaftet. Obwohl er - nicht zuletz dank einer Unterschriftenaktion vieler Literaten und Künstler - rasch wieder freikommt, ist er traumatisiert und fühlt sich als Ausländer diskriminiert. 1912, nachdem ihm der Schock der Verhaftung und der Bruch mit Marie Laurencin noch einige gelungene Gedichte eingegeben haben, beschließt er, die besten seiner bisherigen lyrischen Texte zu einem Sammelband zu komponieren, der den Titel Eau-de-vie (Schnaps) tragen soll. Auf den schon fertigen Druckfahnen ändert er den Titel in Alcools und tilgt vor allem die gesamte Interpunktion. Die Reaktionen der Kritiker von 1913 sind meist ablehnend, man stößt sich insbesondere an dem ungewohnten Fehlen der Interpunktion. Apollinaire, der sich mit dem Bändchen einen Durchbruch erhofft hatte, ist nicht zu Unrecht enttäuscht. Er reagiert mit literatur-, aber auch mit kunsttheoretischen Schriften, wo er aggressiv die neuen Formen verteidigt, was ihm allerlei Querelen einträgt, die ihn bis zu Duellforderungen treiben. Als am 1. August 1914 der 1. Weltkrieg ausbricht, lässt auch er sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken und feiert den Krieg literarisch. Er meldet sich als Freiwilliger, wird aber nicht genommen, weil er ja Ausländer ist. Erst ein zweiter Anlauf 1915 hat Erfolg. Er darf nun sogar einen Offzierslehrgang machen und wird naturalisiert, unter seinem Pseudonym Guillaume Apollinaire, das damit offiziell sein Name wird. Während des Lehrgangs hat er viel Zeit, die er zum Schreiben nutzt, vor allem von Liebesbriefen und -gedichten - zunächst an eine gewisse Louise de Coligny-Châtillon (mit der er kurz vor seiner Einberufung ein ephemäres Verhältnis gehabt hatte), daneben und danach an eine junge Algerien-Französin (die er fast gleichzeitig mit Louise auf einer Reise kennengelernt hatte und mit der er sich schließlich brieflich verlobt). Ende 1915 darf er endlich an die Front, ist aber nach kurzer Faszination rasch desillusioniert vom Dreck und Elend der Schützengräben. Im März 1916 verletzt ihn ein Granatsplitter an der Schläfe; er bekommt zwar eine Auszeichnung, muss aber mehrfach operiert werden und wird schließlich nach Paris zum Dienst im Kriegsministerium abgeordnet. Hier hat er viel Zeit und versucht - mit bandagiertem Kopf und ziemlich geschwächt - sein altes Leben wieder aufzunehmen. Dies gelingt trotz der Kriegsverhältnisse recht gut. Er macht vor dem Krieg begonnene Werke fertig wie die Gedichtsammlung Calligrammes und einen Band Erzählungen mit der Titelgeschichte Le Poète assassiné. Daneben schreibt er ein surrealistisches Stück (Les mamelles de Tirésias), hält Vorträge über die zeitgenössische Lyrik und kann feststellen, dass er inzwischen etwas gilt im Pariser Literaturbetrieb. Seine Verlobung löst er auf und heiratet kurzentschlossen eine Frau aus dem Künstlermilieu, Jacqueline Kolb, die ihn bei einer Lungenentzündung im Januar 1918 gepflegt hatte. Ob sie die Frau fürs Leben war, die ihn endlich von seinem quälerischen Selbstbild eines mal-aimé hätte befreien können, steht dahin, denn im November erliegt Apollinaire der Virus-Grippe, die in Europa grassiert (und mehr Menschen dahinrafft als der ganze Erste Weltkrieg). In seinem Nachlass finden sich zahlreiche Gedichte und Prosa-Fragmente, die in den folgenden Jahren gedruckt werden und seine Position in der Literaturgeschichte festigen.
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur Autor: Admin on 10/9/03
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