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Baudelaire , Charles
(9.4.1821 Paris - 31.8.1867 ebd.).
Er gilt heute als einer der größten franz. Lyriker überhaupt und als einer der wichtigsten Wegbereiter der europäischen literarischen Moderne.
Einziges Kind aus der späten zweiten Ehe eines wohlhabenden Ex-Verwaltungsbeamten und wird Baudelaire durch den Tod seines schon ältlichen Vaters mit 6 Halbwaise. Zusätzlich traumatisiert durch die rasche Wiederheirat seiner 35-jährigen Mutter mit einem ehrgeizigen, autoritären Offizier, J. Aupick, sowie einen Umzug von Paris nach Lyon (1832) und wieder zurück (1836), entwickelt er sich zu einem sich ungeliebt fühlenden, wurzellosen, oft depressiven, schwierigen, überall aneckenden Jungen, den man in Internate abschiebt und der kurz vor dem Baccalauréat noch von der Schule verwiesen wird.
Nachdem er als "Externer" den Abschluss dennoch geschafft hat, beginnt er lustlos ein Jurastudium, treibt sich aber meist in der Pariser Literaten- und Künstlerbohème herum und rutscht in ein Verhältnis mit einer Prostituierten (die ihn mit Syphilis ansteckt).
Im Juni 1841 unternimmt er auf Drängen seiner Familie, vor allem sicher seines Stiefvaters, der den zu missraten drohenden Stiefsohn als Karrierebremse fürchtet, eine Schiffsreise, die ihn bis nach Indien führen und auf andere Gedanken bringen soll. Er fährt aber nur bis zu den Inseln Mauritius und La Réunion im Indischen Ozean mit, deren exotische tropische Natur und seine Vorstellungswelt prägt.
Als er nach gut acht Monaten zurück in Paris ist, verspricht er seinem Stiefvater zwar Besserung, schließt sich aber wieder der Bohème an. 1842 volljährig geworden, verlangt er seinen Anteil am Erbe des Vaters (sehr stattliche ca. 75.000 Francs) und beginnt dieses mit tatkräftiger Hilfe seiner neuen Geliebten, der Schauspielerin (und Mulattin) Jeanne Duval, in einer luxuriösen Dandy-Existenz zu verschleudern. 1844 lässt ihn die Familie deshalb unter Kuratel stellen, was Baudelaire zutiefst kränkt und vielleicht 1845 zu einem Selbstmordversuch beiträgt, ihm aber eine monatliche Rente von 200 Francs garantiert (von der eine Einzelperson damals durchaus leben konnte).
Während der sozialen und politischen Agitation des Jahres 1847 wird Baudelaire Sozialist Fourierscher Observanz. Bei Ausbruch der Februarrevolution 1848 ist er begeisterter Revolutionär in den Pariser Straßen und gründet eine kurzlebige linke Zeitschrift. Angesichts des schrittweisen Sieges der "Partei der Ordnung" 1849/50 ist er, wie so viele jüngere linke Intellektuelle, frustriert und zieht sich nach dem rechtsgerichteten Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes (Dez. 1851) schließlich zurück auf eine Existenz als schriftstellernder Privatier, der allerdings Haschisch, Alkohol und Opium konsumiert und auch deshalb immer in Geldnöten ist, was alles seine Neigung zu Depressionen verstärkt.
Von 1852 bis 57 himmelt er platonisch mit Briefen und Gedichten die großbürgerliche Mme Sabatier an - und macht ihr bittere Vorwürfe, als sie sich ihm schließlich hingibt und damit in seinen Augen als Idealbild und Inspirationsquelle für weitere Gedichte untauglich wird.
Denn Lyriker ist Baudelaire natürlich schon lange: Erste Versuche macht er seit spätestens 1838, von seiner Reise 1841/42 bringt er seine ersten reifen Texte mit. Hiernach verfasst er regelmäßig Gedichte, die er jedoch nur sporadisch in Zeitschriften publiziert. (Einige Dramenentwürfe, die er zwischen 1847 und 54 skizziert, darunter ein Stück La Fin de Don Juan, bleiben Projekt.)
Mit 36 veröffentlicht er 1857 Les Fleurs du Mal, eine Sammlung von 100 Gedichten, die ab ca. 1840 entstanden sind, teilweise schon einzeln vorher gedruckt worden waren und jetzt, nach Themen geordnet, ein quasi komponiertes Ganzes zu bilden versuchen. Die Grundstimmung dieser formal äußerst ausgefeilten, meist eher kurzen Gedichte ist (wie auch oft bei den Romantikern) Desillusion, Pessimismus, Melancholie; die evozierte Realität erscheint (anders als bei den Romantikern) als überwiegend hässlich und morbide, der Mensch als hin und her gerissen zwischen den Mächten des Hellen und Guten ("l'idéal") und denen des Dunklen und Bösen, ja Satans ("le spleen").
Obwohl klarsichtige Kollegen rasch erkannten, dass die besten Texte Baudelaires zu den bleibenden Leistungen der franz. Lyrik zählen würden, war der Erfolg der Fleurs zunächst gering. Einige von gutbürgerlichen Literaturkritikern als obszön empfundene Gedichte trugen dem Autor sogar einen Strafprozess wegen Verstoßes gegen die Sitten ein, weshalb sie 1861 in der auf 129 Gedichte erweiterten zweiten Auflage der Fleurs ausgelassen sind.
Das historische Verdienst Baudelaires ist die Integration der Welt der Großstadt in die Lyrik - einer als insgesamt eher abstoßend und düster vorgestellten Welt, was allerdings durchaus der Realität im übervölkerten, explosionsartig wachsenden Paris der Zeit entsprach.
Die Welt der Stadt ist meist auch das Thema der ab 1855 verfassten lyrischen Prosatexte Baudelaires, von denen zu seinen Lebzeiten nur wenige gedruckt wurden, die aber, als sie 1869 postum gesammelt unter dem Titel Le Spleen de Paris erscheinen, ein neues Genre kreieren, das poème en prose.
Baudelaire erlebt seine Anerkennung jedoch nicht mehr. Er stirbt 1867, bereits seit längerem durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt und sprechunfähig (aber betreut von seiner 1857 wieder verwitweten Mutter) in einem Pflegeheim in Paris, nachdem er die Jahre 1864 bis 66 zunehmend krank, vergrämt und elend in Brüssel verbracht hatte, wohin ihn die Hoffnung auf einträgliche Vortragstourneen durch Belgien gelockt hatte.
Schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten, z.B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud, galt Baudelaire als epochemachendes Vorbild. Für die direkten Zeitgenossen allerdings, d.h. für die wenigen, die seinen Namen kannten, war er vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen (ab 1845), ein Wagner-Enthusiast und -promotor (ab 1860) und (ab 1848) ein fleißiger Übersetzer des amerikanischen Erzählers und Lyrikers Edgar Allan Poe (1809-1849), den er als einen Geistesverwandten empfand.
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
Die wichtigsten Werke von Charles Baudelaire sind:
Blumen des Bösen, Les Fleurs du Mal 1957
Die künstlichen Paradiese, Les Paradis artificiels 1860
Kleine Prosagedichte, Petits Poèmes en prose 1863
Der Spleen von Paris, Le Spleen de Paris 1862 Autor: Admin on 10/9/03
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