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    04.09.2010, 09:01 Uhr  
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Saint-Simon
1). =Louis de Rouvroy, duc de
16.1.1675 Versailles - 2.3.1755 Paris
Saint-Simon (wie er in der Literaturgeschichte heißt) gilt als ein, wenn nicht sogar dér Klassiker unter den franz. Memoirenautoren.
Er ist einziger Sohn eines schon alten, reich begüterten, von Ludwig XIII. in den Herzogsstand erhobenen Adeligen. Seine Taufpaten sind Ludwig XIV. und die Königin. Er wächst auf in Paris und Versailles und hat als Spielkameraden die "enfants de France", d.h. die Kinder der königlichen Familie, insbes. den späteren Regenten Philippe d'Orléans. Er erhält eine vorzügliche Bildung; unter anderem lernt er, was damals selten ist, deutsch sprechen und schreiben.
Mit 16 wird er dem König vorgestellt und beginnt er seine Ausbildung als Offizier. 17jährig erhält er die Feuertaufe im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1686-97), in dem es erstmals einer Allianz europäischer Staaten gelang, den agressiven Imperialismus von Ludwig XIV. zu bremsen. Mit 18 erbt Saint-Simon beim Tod seines Vaters den Herzogstitel und kommt am Hof in Kontakt mit latent oppositionellen Adelskreisen, wo man von Reformen des Absolutismus träumt.
19jährig liest er in einem Feldlager in der Pfalz einen Memoirenband und hat die Idee, auch selbst so etwas zu schreiben. Er beginnt in der Tat mit dem Aufzeichnen von Überlegungen und Beobachtungen, wird aber jahrzehntelang über Fragmente nicht hinauskommen. 20jährig lässt er sich mit einer 17jährigen Hocharistokratin verheiraten, in die er sich anschließend verliebt. Mit 22 hat er eine religiöse Krise und steht hinfort dem strenggläubigen Jansenismus nahe. 1702 - inzwischen hat Ludwig XIV. den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-13) begonnen - quittiert Saint-Simon den Offiziersdienst, weil eine erhoffte Beförderung ausgeblieben ist.
Hiernach lebt er überwiegend als hochrangiger Höfling in Versailles, allerdings in wachsender innerer Distanz zu dem alternden, despotischer werdenden König. Denn er ist nicht nur Jansenist, sondern sympathisiert auch mit den Reformern, die sich in der Hoffnung auf den baldigen Tod des Königs um den Dauphin (Thronfolger) scharen. Als dieser 1711 plötzlich stirbt und 1712 auch ebenso plötzlich sein Sohn, der neue Hoffnungsträger, schwankt Saint-Simon enttäuscht zwischen Rückzug ins Private und Flucht nach vorn.
Im Sinne der letzteren schreibt er z.B. anonym einen fulminanten (seinem Adressaten aber sicher unbekannt bleibenden) offenen Brief an den alten König, in dem er diesem nichts weniger vorwirft, als Frankreich und die Monarchie mit seinen Kriegen und seinem Despotismus ruiniert zu haben. Etwas später stellt er in der Schrift Projets de gouvernement (1714) Überlegungen an für eine von Ministerräten statt Ministern geleitete Regierung und versucht als Drahtzieher für seinen Jugendfreund Philippe d'Orléans zu wirken, damit dieser nach Louis' Tod Regent für dessen noch unmündigen Urenkel Ludwig XV. werden kann.
Nach dem schließlichen Ableben des 77jährigen Ludwig XIV. (1715) und der Einsetzung Philippes als Regent kann Saint-Simon endlich eine aktive politische Rolle spielen als einflussreiches Mitglied des nach seinen Ideen neu geschaffenen Kronrats. Allerdings wird er dort von geschickteren Leuten langsam an den Rand gedrängt und beim plötzlichen Tod des Regenten 1723 praktisch ausgebootet.
Er zieht sich nun vom Hof zurück und überlegt eine Weile, ob er weiter politisch aktiv zu sein versuchen oder sich eher schreibend, insbesondere als Historiker, betätigen soll. 1729 bekommt er das Tagebuch geliehen, das ein Versailler Höfling, der Marquis de Dangeau, von 1684 bis 1720 geführt hat, und er beginnt es aus seiner Sicht zu kommentieren. Daneben schreibt er eine ganze Reihe historischer Abhandlungen über sehr spezielle Themen, z.B. die Einheiraten legitimierter außerehelicher Töchter von franz. Königen in franz. Adelsfamilien.
Erst 1739, mit 64 und im geistigen Ambiente der sich durchsetzenden Aufklärung, kehrt Saint-Simon zu seiner Idee von 1694 zurück und beginnt sein bedeutendstes, heute allein noch bekanntes Werk, die Mémoires. Diese decken die Zeit von 1691 bis 1723 ab, d.h. vom Beginn bis zum Ende der Höflingskarriere Saint-Simons in Versailles. Das umfangreiche Werk enthält nicht nur die persönlichen Erinnerungen des Autors, sondern auch viele quasi neutrale Materialien und Informationen. Es wird erst gegen 1750, nach zehn Jahren Arbeit, abgeschlossen sein und sogar erst 1829/30 veröffentlicht werden. Hiernach erlangte es rasch Anerkennung als ein Meisterwerk der Gattung Memoiren und fand beachtliche Verbreitung, nicht zuletzt bei zahlreichen Schriftstellern von Stendhal bis zu Proust.
Für Historiker sind Saint-Simons Mémoires darüberhinaus eine wichtige Quelle über das Alltagsleben und über die Machtkämpfe in Versailles unter dem späten Ludwig XIV. und dem frühen Ludwig XV.

2). Claude-Henri de Rouvroy, comte de Saint-Simon
17.10.1760 Paris - 19.5.1825 Paris.
Der in der Regel schlicht unter Saint-Simon figurierende Autor ist zwar kein belletristischer Literat, aber durch seinen starken Einfluss auf viele Schriftsteller, insbes. die Generation der Romantiker, ein wichtiger Name in der franz. Literaturgeschichte.
Aus hochadeliger Familie stammend, wird Saint-Simon (ein entfernter Verwandter des gleichnamigen Memoirenautors) zunächst Offizier und kämpft nach 1776 im amerikanischen Befreiungskrieg gegen England auf Seiten der Aufständischen, die insgeheim von Frankreich unterstützt werden.
1789 sympathisiert, wie so viele liberale Adelige, auch er zunächst mit der Revolution 1789, 1794 aber entkommt er nur knapp der Guillotine. Durch die Enteignung seiner Güter während des Terrorregimes verarmt, zieht er nach der Machtergreifung des gemäßigten Directoire (1795) eine Spedition auf, wird fast reich, sieht sich dann aber von einem Geschäftspartner geprellt und ruiniert.
Hiernach lebt er mühsam als freischwebender Intellektueller, treibt naturwissenschaftliche und philosophische Studien und beginnt, gesellschafts- und staatstheoretische Schriften zu verfassen, die zunächst meist ungedruckt bleiben, z.B. Lettres d'un habitant de Genève à ses contemporains (1802), Essai sur l'organisation sociale (1804), Introduction aux travaux scientifiques du XIXe siècle (1807), Histoire de l'homme (1810), Mémoire sur la science de l'homme (1814).
Zur Zeit der Restauration nach Napoleons Sturz 1815 wird Saint-Simon allmählich bekannt, zunächst als Publizist mit kurzlebigen, aber einflussreichen Zeitschriften, z.B. L'Industrie (1816-18). Zum Quasi-Propheten und zum Vordenker der in den 1830er und 40er Jahren sehr bedeutsamen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Schule der Saint-Simoniens wird er schließlich mit den Schriften Du système industriel (1820-22), Catéchisme des industriels (1823/24) und De l'organisation sociale (1824).
Hierin vertritt er die damals ganz revolutionäre Ansicht, dass nur die industriels, d.h. die mit ihrer Arbeitskraft Güter und Dienstleistungen produzierenden Individuen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft seien und dass der dem Einzelnen zustehende Anteil am gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand nach seiner eingebrachten Leistung zu bemessen sei, womit parasitäre Klassen wie der Adel oder Rentiers leer ausgingen, während z.B. sowohl die Unternehmer als auch die Arbeiter jeweils ihre angemessene Entlohnung erhielten.
Saint-Simon gilt zugleich als Mitbegründer der wissenschaftlichen Soziologie und des politischen Sozialismus. Mit seinem postum gedruckten Buch Le Nouveau Christianisme (1825), das die Fürsorge für die Ärmeren und eine gerechte Berücksichtigung der unteren Bevölkerungsschichten speziell auch zur Aufgabe des Christen erhebt, ist er einer der Väter der um und nach 1900 florierenden katholischen Soziallehre geworden, die sich als christliche Alternative zum atheistischen Sozialismus à la Marx verstand.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

Autor: Admin on 10/19/03

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