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    04.09.2010, 06:53 Uhr  
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Lefèvre
1). Raoul Lefèvre
2). Jacques Lefèvre d'Étaples


1). Raoul Lefèvre, L'Histoire de Jason (+ ca. 1465).
Dieser kaum mehr bekannte Autor (von dem wir nichts weiter wissen, als dass er aus dem äußersten Norden des franz. Sprachgebietes stammte, Kleriker war und um 1460 mit dem Hof der Burgunder-Herzöge in Verbindung stand) ist interessant als Verfasser von L'Histoire de Jason (ca. 1460).
Es ist ein heute kurios und hybrid wirkender, für die Zeitgenossen offensichtlich aber kaum befremdlicher Roman um den antiken griechischen Sagenhelden Jason, der einst im fernen Kolchis mit Hilfe Medeas das Goldene Vlies erkämpft hatte, seine Helferin dann geheiratet, später aber für eine andere Frau verlassen hatte.
Das Herzog Philippe de Bourgogne (1419-1467) gewidmete, ganz im Stil der zeitgenössischen Ritterromane geschriebene und den mythologischen Stoff mit vielen selbsterfundenen Episoden anreichernde Werk hatte offensichtlich die Funktion, Jasons Untreue zu relativieren und zu entschuldigen. Das wiederum sollte die Ehre dieses Schutzpatrons des Ordens vom Goldenen Vlies retten, den Philippe 1429 gegründet hatte, um darin den Adel seiner sehr heterogenen Territorien zu vereinigen, zu denen außer der Burgund und der Franche-Comté auch Teile der Picardie, Flandern sowie das jetzige Belgien, Holland und Luxemburg gehörten.
Kurze Zeit nach dem Jason verfasste Lefèvre ein weiteres romanartiges Werk mit mythologischem Stoff, den unvollendet gebliebenen Recueil des histoires de Troie, den er ebenfalls Herzog Philippe widmete. Dessen prächtiger und unterhaltungsbedürftiger, überwiegend frankophoner Brüsseler Hof war um 1450 ein bedeutendes, wenn nicht das bedeutendste Zentrum der französischsprachigen Literatur.
Lefèvres Jason war übrigens durchaus erfolgreich: er ist nicht nur in mehreren Handschriften überliefert (darunter dem wohl vom Autor selbst angefertigten Widmungsexemplar), sondern erlebte zwischen 1476 und 1530 sieben Druckauflagen. Eine von William Caxton, dem ersten englischen Buchdrucker, verfasste Übersetzung des Jason war 1477 das erste auf englischem Boden gedruckte Buch.
Vgl. hierzu: Gert Pinkernell (Hrsg.), Raoul Lefèvres Histoire de Jason. Ein Roman aus dem 15. Jh. (Frankfurt 1971)

2). Jacques Lefèvre d'Étaples (ca. 1450 - 1536).
Sein Name verbindet sich vor allem mit La Sainte Bible en français (1523-30), der ersten vollständigen und textgetreuen franz. Übersetzung der Bibel, genauer von deren quasi offizieller lateinischen Version, der "Vulgata".
Ganz wie der fast zeitgleich arbeitende Luther (der allerdings von den griechischen und hebräischen Originaltexten ausgeht) verfolgt auch Lefèvre die reformatorische Intention, den normalen Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die Bibel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und deren Wortlaut ohne die Vermittlung der katholischen Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Entsprechend wurde Lefèvre von der auf Erhaltung ihres Deutungsmonopols bedachten Pariser Universität bzw. deren theologischer Fakultät, der Sorbonne, schon 1523 beim Erscheinen von Teil I, des Neuen Testaments, attackiert und wurde seine Gesamt-Bibel 1530, nach der Drucklegung im damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Antwerpen, vom Pariser Parlement verboten.
Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde, erreichte Lefèvres Bibel im französischen Sprachraum nicht dieselbe Bedeutung wie die luthersche im deutschen, u.a. auch deshalb nicht, weil die frankophonen Protestanten die etwas spätere (ziemlich hölzerne) Übersetzung von Pierre Robert Olivetan (1535 ff.) bevorzugten.
Lefèvre hatte übrigens, nach einem Theologiestudium in Paris, 1491 und 1499 Bildungsreisen nach Padua und Pavia als Zentren der humanistischen Gelehrsamkeit in Italien unternommen und in diesen Jahren seine eigene Gelehrtenkarriere mit textkritischen Editionen von Schriften des großen altgriechischen Philosophen Aristoteles begonnen, womit er einer der ersten französischen Humanisten und Gräzisten war.
Nachdem er sich 1505 in der von Guillaume Briçonnet, einem der vielen Reformtheologen der Zeit, geleiteten Pariser Abtei Saint-Germain-des-Prés niedergelassen hatte, publizierte er auch textkritische Editionen verschiedener Teile der lateinischen Bibel (z.B. 1509 die Psalmen und 1512 die Paulus-Briefe). Als 1521 Briçonnet Bischof von Meaux wurde, folgte ihm Lefèvre dorthin und begann mit seiner Bibel-Übersetzung. Er musste allerdings erleben, wie sein Protektor Briçonnet sehr bald, u.a. weil er Anhänger des gerade exkommunizierten Luthers predigen ließ, von den Konservativen in der Kirche attackiert wurde und wie auch er selbst nach der nicht zuvor genehmigten Publikation des Neuen Testaments zum Ketzer erklärt wurde.
Lefèvre flüchtete 1525 in die freie Reichsstadt Strassburg, eine Hochburg des Humanismus, und 1529 nach Nérac (SW-Frankreich), an den Hof der zu dieser Zeit noch offen mit dem Protestantismus à la Luther sympathisierenden Schwester von König Franz I., Marguerite de Navarre. Hier beendete er die Übersetzung auch des Alten Testaments und verbrachte er seine letzten Jahre.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

Autor: Admin on 12/9/03

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